Gedanken zum 1. August

Schüler: Plasokrat! Schön, dich endlich wieder mal zu sehen! Wo hast du denn so lange gesteckt?

Plasokrat (hüstel, hüstel): War beschäftigt. (Hust, hust)
Der Schüler schaut besorgt drein.

Plasokrat: Nein, nicht Corona. Ich muss nur immer noch husten wegen des vielen Feinstaubs in meiner Lunge.
Schüler: Feinstaub??

Plasokrat: Gestern war doch unser Schweizer Nationalfeiertag auf den wir Schweizer natürlich – immer noch- sehr stolz sind, die meisten jedenfalls: 1. August, Wilhem Tell, Apfelschuss gegen die diktatorische Obrigkeit und Höhenfeuer mit Rütlischwur für die Einheit der Eidgenossen. Anno dazumal 1291, wie auch ich in den Schulen lehrte.
Schüler: Ja, klar. Aber was hat das mit Feinstaub zu tun?

Plasokrat: Feuerwerk. Es wird gefeuerwerkt am 1. August. Schweizweit. Das weisst du doch. Je doller, je lieber. Im privaten Rahmen dieses Jahr, natürlich. Wegen Corona. War nichts mit Festwiese und Grill-Cervelat im Pulk und Ansprachen. Alles nur virtuell. Oder fast alles.
Und heute regnet es. Heute! Gestern hätte es regnen sollen.
Schüler: Warum das denn?

Plasokrat: Wegen der Knallerei. Hätte es gegossen, hätte man das Feuerzeugs vergessen können. Und mir wäre der Husten erspart geblieben. Und meine Singvögel hätten ruhig in ihren Bäumen schlafen können. Ohne vor Schreck von den Ästen zu kippen und in der Dunkelheit gegen Objekte prallen zu müssen.
So wurde ich aus meiner philosophischen Träumerei unerwartet in die Wirklichkeit katapultiert, als es gestern Nacht plötzlich taghell wurde in meiner Studierstube. Taghell? Und dazu diese zischenden Geräusche? Ich raus auf die Strasse.
Da standen meine liebenswerten Nachbarn, dankbar beklatscht von einer weiteren Nachbarterrasse aus, da sie vor meinen Rosenstöcken ihre Vulkane abliessen. Ich gebe zu, Vulkane machen wenigstens keinen Lärm. Sie sprühen nur Funken in alle Himmelsrichtungen. Ich meinte ein bisschen bissig: Wollt ihr meine Rosen grillen? Schliesslich hätten sie die Feuerspielerei auch vor dem eigenen Haus abbrennen können.
Aber klar, da sah ich, warum das nicht ging: Da stand das Auto ihres Besuchs. Und Besucherautos abzufackeln ist höchstens bei der Antifa in DE Mode, nicht in einer Schweizer Quartierstrasse. Also brennt man lieber dem Nachbarn die Rosen ab, oder gleich das ganze Grundstück.
Zwei Nachbarn weiter tat man das Gleiche: Vulkane Abbrennen. Mehrere hintereinander. Und weil die meisten Schweizer solch wirklich höfliche Menschen sind, die sich nur über etwas beklagen, wenn es gar nicht mehr anders geht, blieb ein Auto, das auf der Heimfahrt war, in sicherem Abstand mitten auf der Strasse stehen und wartete brav auf die Erlaubnis, weiterfahren zu dürfen. Denn, wie der zweite Vulkan- Zündeler sagte: „Hier durchfahren (es ist immerhin eine öffentliche Strasse), das geht jetzt gerade gar nicht.“
Plötzlich gingen seine Kinder in Deckung und ich dachte, dass dies sicher ebenfalls keine schlechte Idee wäre, denn nun kam es „dicke“, wie man so schön in Berlin sagt. Oder anderswo? Na, egal. Jedenfalls wurde dann so richtig losgeknallt. Ernsthaft. Er zündete wiederum irgendetwas an und dann ging es: PENG; PENG; PENG, Minimum 15 – 20 Mal hintereinander. Russenböller, sagte jemand. Politisch völlig inkorrekte Sprache, dachte ich. Man hätte meinen können, die Schweiz befände sich im Krieg. Und da fielen die Vögel im Sturzflug aus den Bäumen und suchten Schutz – irgendwo in der Dunkelheit. Schutz vor Geknalle? Geht gar nicht.
Ja und dann philosophierte ich halt über die menschliche Dummheit, die manchmal, weiss Gott, gross wie das Weltall zu sein scheint. Und dann denke ich: Warum kann es nicht ein einziges Mal so richtig regnen am 1. August? Gott scheint es mit den Schweizern wirklich gut zu meinen, da der Nationalfeiertag zu 99% trocken bleibt.
Schüler: Darf man überhaupt noch Nationalfeiertage feiern? Heutzutage?

Plasokrat runzelt die Stirn: Ja und warum denn nicht? Warum sollte man denn nicht auf das eigene Land, auf das, was alle Bürgerinnen und Bürger und viele ausländische Mitbürger/innen zusammen erschaffen haben, stolz sein? So ein perverser Selbsthass, wie er in DE Mode ist, mit der Merkel, die die deutsche Fahne am liebsten in eine Ecke wirft, gibt es sonst nirgends auf der ganzen Welt.
Schüler: Hihihi, wenn die Merkel und die heilige Benedicta oder andere Grüne am 1. August in die Schweiz kämen, würden sie wahrscheinlich vor Schreck tot umfallen – was vielleicht gar nicht das Schlimmste wäre- sähen sie all die Fähnchen und Fahnen in unserem schön beflaggten Land.

Plasokrat: Na, die Merkel, die ist zäh, die fällt so schnell nicht um; sie macht ja scheint’s oft Ferien in der Schweiz und kennt das dann.
Ja. Und wie soll man sich die Zeit an so einem Regensonntag wie heute vertreiben, wenn nicht mit philosophischem Geplauder?
Schüler: Sicher, ja. Nationalfeiertage stimmen einen immer ein bisschen nostalgisch: die Vergangenheit an sich vorbeiziehen lassen, die Gegenwart kritisch überdenken und einen Blick in die Zukunft wagen.

Plasokrat: Ich habe nachgedacht, angesichts all der Knallerei gestern.
Ende 2019 lebten 8 603 900 Personen „Wohnbevölkerung“ in diesem schönen Land, wie uns das Schweizerische Bundesamt für Statistik mitteilt. 25,3% davon Ausländer. Im Jahr 2045 sollen dann angeblich zwischen 9,3 Millionen (Minimum) und 11 Millionen (Maximum) Menschen hier leben. Bei ständig abnehmender Schweizer Bevölkerung.
Da macht man sich schon so seine Gedanken…..
Schüler: Ja, sollen wir in Zukunft alle noch dichter aufeinander oben hocken? Entweder in Riesenstädten auf die vertikale Art und Weise oder noch mehr in die Breite gehend uns in das restliche bisschen Grün hineinfressend?

Plasokrat: Auf alle Fälle werden sich die Menschen gegenseitig noch mehr auf die Nerven gehen als bisher schon. Man möchte zwischendurch ja auch mal seine Ruhe haben. Nichts gegen Kinder, muss ich schon sagen. Aber wenn die lieben Kleinen in der Nachbarschaft zum hundertsten Mal ihren Ball, platsch, platsch, platsch, aufs Pflaster klatschen und dann in den Korb der an der Garagentür hängt…
Schüler: Genau. Oder nimm mal mein Beispiel: Ein wirklich toller Papa, also wirklich toll! Da kann man gar nichts dagegen sagen. Da könnten sich alle Papas dieser Welt ein Beispiel nehmen. Er ist fast immer daheim. Ausser wenn er Kite-Surft. Aber das ist eher selten. Und er kümmert sich TOTAL um die Kinder. Er und die Mama. Und das Haus bezahlt der Grosspapa. Das geht morgens früh schon los mit Training im Swimmingpool, dass die Kleinen nur so kreischen und der Papa auch. Na gut, bei ihm ist es mehr so ein Gedröhne im Bass.

Plasokrat: Oha lätz! Ich sehe schon…
Schüler: Na was. Und wenn dann die Kleinen endlich wieder mal aus dem Wasser steigen, nachdem sie gefühlte tausendmal und drei Stunden lang johlend hineingesprungen sind, setzen sie sich auf ihre Fahrrädchen und los geht’s auf der Strasse über die vom Papa selbst gebaute Rampe. Rumms! Zack! Rampe hoch! Johl! kreisch! Rampe runter! die vor Begeisterung gleich mitscheppert. Und das nochmals gefühlte tausendmal. Ade, geschätzte Sonntagsruhe!
Und dann bekommt man irgendwie ein schlechtes Gewissen. Mag man dem Papa und den Kinderchen nicht mal ein bisschen Spass am Sonntag gönnen? Ist man wirklich so ein fieser, egoistischer Nachbar? Der womöglich ganz sanft und höflich anfragen will, ob es etwas leiser ginge?
Und dann denkt man: die machen das ja nun wirklich jeden Tag, jeden einigermassen warmen Tag kreischen sie im Pool herum und bei kälterem Wetter geht es sowieso, kreisch, rumms, über die Rampe. Können sie da nicht wenigstens mal am Sonntag???
Aber das darf man ja eigentlich gar nicht denken. Das ist reine kinderquälerische Missgunst, von den Kleinen und dem sich aufopfernden Papa zu verlangen, etwas Rücksicht auf die ruhebedürftige, am Sonntag vom Werktag her ausgelaugte Nachbarschaft zu nehmen. Das muss nicht sein.
Und wenn ich dir dann noch sage, dass der Papa … also, wie soll ich’s formulieren… also der Papa kommt eher vom Süden als vom Norden… Dann wird das Ganze auch womöglich noch rassistisch, oder?

Plasokrat: Man könnte sich natürlich fragen: Wenn der Papa nun ein ur-hiesiger wäre, so ein Ureinwohner der Schweiz, dessen Ahnen schon bei Wilhelm Tell auf dem Rütli mit dabei waren, würdest du dann protestieren oder nicht?
Schüler: Ja, dann, in dem Fall, klar, würde ich. Ich würde sagen: Lieber Nachbarspapa, ginge es auch ein kleines bisschen leiser? Oder vielleicht nur ein Stündchen lang?
Schüler denkt nach: Also dann ist das, was ich mache, sozusagen positive Diskriminierung? Wenn er von hier wäre, würde ich, da er nicht von hier ist, darf ich nicht…

Plasokrat: Naja, so geht es einem; manchmal sogar mir. Fuhr ich doch mit dem Auto neulich durch Z. Und da trampelte mir so ein Depp vom Gehsteig runter auf die Fahrbahn und überquerte die Strasse seelenruhig, 20 Meter vom nächsten Zebrastreifen entfernt. Ich auf die Bremse wie nichts. Und ja, da hätte ich doch fast gehupt! Aber eben nur fast. Positive Diskriminierung. Hätte ich gehupt, wäre ich ein Rassist gewesen.
Es ist sowieso schwierig damit. Heute ass ich vom letzten Uncle Ben’s Reis. Ehrlich, ich habe lange überlegt: Soll ich oder darf ich nicht?? Uncle Ben’s… den sie jetzt umtaufen. Aber ich hatte dieses Packet Reis nun einmal im Vorratsschrank. Und wenn man es nicht isst, ist es „food waste“ und das darf man ja auch nicht – Essen einfach verschwenden, wegwerfen, nur weil es so eine Aufschrift hat. Da hätte dann Greta etwas dagegen. Also ass ich davon, mit schlechtem Gewissen, ehrlich.
Und zum Dessert – du wirst es nicht glauben. Also es ist wirklich ein übler Tag heute, als ich den Dessert einkaufte. Ging ich in die Bäckerei und da hatten sie dieses leckere Biscuithügelchen, du weisst schon, so eine Iglu-Form…
Schüler: Darf man „Iglu“ überhaupt noch sagen? Oder geht das nicht mehr?

Plasokrat: Doch, doch, Iglu ist noch okay. Also, diese Iglu-Form, mit Vanillecrème-Füllung innen und aussen mit dunkler Schokolade überzogen. Mmmm, mir lief wirklich das Wasser im Mund zusammen und ich sagte zur Verkäuferin: „Und bitte einen von diesen…ähhh… hm, wie heissen die jetzt…?“ Und ich zeigte auf das betreffende corpus delicti. „Oh“, strahlte mich die Verkäuferin freundlich an, „daa sind imme no Mohrechöpf bi eus“. „Ja dann“ erwiderte ich, „dann bitte so einen Mohrenkopf“. Und jetzt habe ich tatsächlich gesündigt. Ganz unverzeihlich. Und alles aufgegessen. Politisch völlig inkorrekt. Und es hat geschmeckt.

(2. August 2020)