Kommentar zum Maßnahmenpaket vom deutschen Bund und Ländern vom 15.04.2020

Vorweg: die bislang von Bund und Land getroffenen Maßnahmen waren soweit gut, um die erste Welle von Infektionen einzudämmen und das Gesundheitssystem nicht kollabieren zu lassen. Es blieb nach dem anfänglichen Zögern auch nichts anderes übrig.

Die am 15. April getroffenen Maßnahmen von Bund und Land zu „Lockerungen“ des Shutdown sind aber phantasielos, mutlos und die zitierten Daten können durchaus anders interpretiert werden.

Heute ist wieder zu lesen: „die Zahl der Neuinfizierten nimmt erstmals wieder zu“. Warum?

Weil allein in der Landeserstaufnahmestelle BW in Ellwangen mehr als zweihundert Menschen positiv getestet wurden. Erneut wurden hohe Infektionszahlen aus diversen Pflegeheimen gemeldet. Das sind alles Orte wo Menschen situationsbedingt eng zueinander untergebracht sind, die Nähe zu Pflegern und Betreuern unvermeidlich ist, und speziell in Ellwangen die sanitären Einrichtungen alles andere als ausreichend sind, um eine Infektionsausbreitung zu verhindern.

Mit diesen Zahlen werden nun die minimalen Maßnahmen gerechtfertigt und der Shutdown im Wesentlichen beibehalten. Die Regierungen setzen zu wenig Vertrauen in die Disziplin und Selbstorganisation der Bürger, Gewerbetreibenden. Geschäfte und Industriebetriebe.

Eine Grenze für Geschäfte mit 800 qm festzulegen ist mehr als fragwürdig. Baumärkte, die teils nie geschlossen hatten, haben mehrere tausend Quadratmeter Fläche. Wissen wir wieviel Menschen sich dort infiziert haben? Kaum!

Das Tamtam um Mundschutz und Masken ist weiterhin grotesk. Erst hieß es Masken helfen nicht, dann hieß es Masken helfen nur, damit beim Husten und Nießen der Schwall ausgestoßener Tröpfen gemindert wird, dann hieß es, Masken schützen die anderen, aber man soll sich nicht in Sicherheit wiegen, dann hieß es Masken helfen im öffentlichen Raum die Infektionsgefahr zu verringern, dann man sollte Masken im öffentlichen Nahverkehr und in Supermärkten tragen.

Mit all diesen Aussagen lenkt die Politik vor allem von einem ab: dem grundsätzlichen Mangel an Masken und anderen Schutzausrüstungen und der Unfähigkeit rasch für Nachschub zu sorgen (z.B. der Fehlschlag der Beschaffung über das Bundeswehrbeschaffungsamt, oder dass hunderttausende von Masken wegen des Ablaufdatums vernichtet wurden, ohne dass rechtzeitig Ersatz beschafft wurde).

Dabei hat man immer noch keine Ahnung, wie sich das Virus außer der bekannten Tröpfcheninfektion tatsächlich verbreitet. Es kommen so gescheite Sprüche wie: 1,5 m Abstand sind ausreichend, da nach dem Nießen oder Husten die Tröpfchen sofort auf den Boden fallen. Plötzlich korrigiert man das und empfiehlt beim Joggen mindestens 10 m Abstand zu halten. Um es mal klar zu benennen: Viren sind Nanopartikel wie Feinstaub oder Ruß und können wie diese sehr lange in der Luft schweben. Die Frage der Infektion ist damit eher eine Frage der Konzentration der mit dem Virus verseuchten Tröpfchen, der man über einen gewissen Zeitraum ausgesetzt ist. (siehe auch: The New England Journal of Medicine: Aerosol and Surface Stability of SARS-CoV-2, 16.04.2020). Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass in Gebieten hoher Luftverschmutzung höhere Infektionsraten festgestellt wurden. Das lässt vermuten, dass Viren sich an in der Atmosphäre schwebende Schmutz- und Rußpartikel anlagern und über die Atmung in den Rachenraum und die Lunge gelangen. Deshalb ist der Gebrauch von geeigneten Masken im öffentlichen Raum durchaus sinnvoll.

Das nächste unselige Thema ist der Maßstab, der angelegt wird, um Maßnahmen zu begründen. Erst hieß es, wenn die Dauer der Verdopplung von Neuinfektionen sich auf über 10 Tage verbessert hat, kann man die ersten Lockerungsmaßnahmen genehmigen. Dann wurde als Maßstab der Basisreproduktionsfaktor R0 angeführt, der kleiner als 1 sein muss. Als beide Werte erreicht waren, wurde argumentiert: die Zahl der Neuinfizierten pro Tag muss kleiner als 1000 sein, damit man jeden Einzelfall nachverfolgen kann. Der Großteil der Neuinfizierten stammt aber, siehe oben, aus wenigen Großeinrichtungen und die sollte man ja in den Griff bekommen können.

Um auf die Phantasielosigkeit zurückzukommen: wenn Geschäfte geöffnet werden, dann können unter entsprechenden Auflagen auch Restaurants geöffnet werden. Jedes Restaurant hat eine „Nennkapazität“ an Sitzplätzen. Eine Auflage könnte z.B. sein, maximal 40 oder 50% dieser Kapazität zu bestuhlen und dafür zu sorgen, dass der Abstand zwischen besetzten Tischen z.B. 2m beträgt und pro Tisch max. 2 Personen sitzen dürfen.

Andere Frage: warum dürfen Hotels in den dünn besiedelten Gebieten der Nord- und Ostsee nicht öffnen und Gäste aus den Ballungszentren der Bundesländer aufnehmen? Auch hier z.B. unter der Maßgabe max. 50% der Nennkapazität und Einhaltung der Abstandregeln und der Hygienemaßnahmen.

Alles machbar, das ist eine Sache der Organisation. Und würde zu einer Entspannung in dicht bewohnten Gebieten führen.

Nächstes Thema: im regionalen Fernsehen erfährt man jeden Tag, wie stark die Intensivstationen in einigen Krankenhäusern belegt sind und wie stark Ärzte, Krankenschwestern und anderes Personal belastet sind. Das ist sicher richtig, aber gleichzeitig erfährt man, dass deutschlandweit 140.000 Betten leer stehen, davon sind ca. 10.000 Intensivbetten in Krankenhäusern nicht belegt (Deutsche Krankenhausgesellschaft DKG Pressemitteilung vom 15.04.20202).

Die Meldung freier Kapazitäten ist immer noch freiwillig. Das erst seit einigen Tagen verfügbare zentrale Meldesystem wird nicht von allen genutzt. Frage wiederum: warum ist da vorher nichts gemacht worden? Die Studien von RKI, Fraunhofer, Imperial College, sogar das „Pandemic Playbook“ der US -Regierung weißen auf die Notwendigkeit überregionaler Abstimmung im Fall von Epidemien hin.

Nächstes Thema wo Landesregierungen vom eigenen Versagen ablenken:
Seit spätestens Ende Januar 2020 war bekannt, was da auf uns zurollt. Trotzdem haben wir Wochen gebraucht, um Maßnahmen zu ergreifen. Anfangs wurde das (teils höhnisch) als rein chinesisches Problem abgetan, anstatt sich rechtzeitig Gedanken zu machen. Man hat weiterhin Massenveranstaltungen zugelassen (Mitterteich, Heinsberg, Ismaning, Hohenlohe, Spiel des VfB gegen Bielefeld noch am 9.3.).

Wenn man sich die am schwersten von Infektionen betroffenen Landkreise ansieht, dann sind das Tirschenreuth (Mitterteich), Freising (Ismaning), Heinsberg, sowie die Stadt Stuttgart und die sie umgebenden Landkreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Tübingen. Wenn diese Massenveranstaltungen rechtzeitig untersagt worden wären, müssten wir uns heute nicht mit diesen hohen Zahlen an Infizierten herumschlagen und es gäbe nicht hunderttausende, die unter dem Shutdown leiden.

(16. April 2020)